5. – 13. Schuljahr

Susanne Heinicke und Rosalie Heinen

Kurzcheck Non- und Paraverbales

Wie prägt mein körperlicher Ausdruck die Fehlerkultur in meinem Unterricht? Anregungen und Tipps

„Ja, das ist gar nicht so schlecht, fast richtig wer kann das noch mal anders formlieren?, frage ich in die restlichen Gesichter. Ich weiß, Jayden braucht Ermutigung. Wenn er sich schon einmal in meinem Physikunterricht meldet, sollte ich seine Bemühungen positiv verstärken. Stattdessen bin ich genervt. Die Aussage von Jayden und meine Reaktion daraf erzeugen Unsicherheit und Verwirrung bei den anderen Schülerinnen und Schülern. Ich wende mich ab und drehe Jayden unabsichtlich den Rücken zu, während ich mit hoffnungsvollem Gesicht und einladender Geste Marlene aufrufe. Aber auch sie liefert keine richtige Antwort. „Und noch eine falsche Antwort, sage ich. Weil Marlene immer viel Richtiges sagt, habe ich das Gefühl, dass ich ihre Missgriffe klar kommunizieren kann. Ganz automatisch blicke ich ihr aufmunternd zu.
Im Anschluss an die Unterrichtsstunde lasse ich mir diese Szene noch einmal durch den Kopf gehen: Menschen brauchen häufig ganz unterschiedliche Reaktionen auf Fehler, die sie machen oder äußern. Das hat viel mit ihrem Selbstbewusstsein oder konkreter: mit ihrer sog. Selbstwirksamkeitserwartung zu tun. Auch andere Aspekte ihrer Persönlichkeit und der Lernsituation im Physikunterricht fließen ein. Hier spielen Frustrationstoleranz, allgemeine und tagesaktuelle Mitarbeit, unterrichtsbezogene Fachkompetenz, Eingebundenheit in die Klassengemeinschaft und die Nähe zur Lehrkraft eine Rolle.
Aber auch ein zweiter Faktor fällt mir auf, weil mir meine nonverbale Reaktion in dieser Situation noch bewusst ist: Meine körperlichen Reaktionen senden oft unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Botschaften aus. Ich lobe und wende mich gleichzeitig ab; ich kritisiere und lächle dabei. Nonverbales, Paraverbales und Verbales sendeten hier unterschiedliche Botschaften (s. Kasten 1).
Kasten 1: Nonverbales, Paraverbales und Verbales
Kasten 1: Nonverbales, Paraverbales und Verbales
Die Botschaften, die eine Person sendet, können in verbale, nonverbale und paraverbale Anteile unterschieden werden (s.a. Abb. 1 ):
  • Verbales was gesagt wird: Dies beinhaltet die Informationen, die ich auch als Text lesen könnte und dabei nicht sehe und höre, wie die Person es sagt.
  • Paraverbales wie es gesagt wird: Dies beinhaltet die über den gesprochenen Text hinausgehende Information, die ich erhalte, wenn ich die Person auch hören kann. Dazu gehören Sprechmelodie, Intonation und Lautstärke.
  • Nonverbales wie dazu gehandelt wird: Dies beinhaltet die Information, die neu hinzukommt, wenn ich die Person zusätzlich sehen kann. Dazu gehören Gestik, Mimik, Körperausdruck und die Positionierung im Raum.
Das kann sinnvoll sein, wenn sich die Informationen ergänzen. Es kann aber auch durch die Widersprüchlichkeit verwirren. Und letztendlich offenbart es auch meine eigene Hin- und Hergerissenheit: Jayden ermutigen zu wollen, aber eigentlich genervt zu sein (s. z.B. die Visualisierung in Abb. 2 ); Marlene klar den Fehler zu kommunizieren, aber eigentlich positive Signale zu senden.
Bedeutung der Kohärenz verschiedener Sprachanteile
Schon jüngere Kinder können die nicht-verbalen Anteile von Sprache sehr zutreffend dekodieren (vgl. [1]). Wenn wir einer Person zuhören, ist unsere Wahrnehmung stark von nicht-verbalen Anteilen und längst nicht ausschließlich vom gesprochenen Text geprägt (s.a. [2] und Abb. 3 ).
Eine mangelnde Kohärenz, d.h. geringe Passung zwischen den verbalen und den nicht-verbalen Anteilen, führt zu Verwirrung, Unbehagen und Deutungsschwierigkeiten seitens der rezipierenden Person. Jayden wird u.U. trotz der verbalen Ermutigung einen eher negativen Eindruck über seine Äußerung empfinden, weil die nonverbale Reaktion (und ggf. auch die paraverbale Phrasierung der gemeinten Ermutigung) seine Antwort als falsch deklarierten. Für...

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