7. – 10. Schuljahr

Martin Ernst Kraus

Lernen an fehlerhaftem Material

Beispiele für unterschiedliche Methoden und Materialien

Ganz dem Tenor dieses Themenhefts folgend, ergibt sich bei den hier vorgestellten Methoden das planvolle Herbeiführen von Fehlern sachlogisch. Wenn Lernende ihre Fehler tendenziell eher verbergen wollen und Fehler sich z.B. in Videostudien tatsächlich nur selten beobachten lassen, wird es wichtig, dass die Lehrkraft Situationen mit Fehlern selbst erzeugt und hier dann auch mit besonderer Aufmerksamkeit agiert.
Grundsätzlich ergibt sich aus jeder diagnostischen Aufgabenstellung automatisch die Gelegenheit, Fehler zu thematisieren. Die Lehrkraft muss die fehlerhaften Passagen lediglich zusammenstellen. Geschieht dies anonymisiert (z.B.: „... ein Schüler aus dem letzten Jahrgang hat hier ...), entsteht in jedem Fall eine Lernsituation. Diese kann auch motivierend sein, sofern man seine eigenen Fehler wiederfindet oder sich einfach solidarisch gibt.
Geeignete Materialien für das Lernen durch Fehler
In diesem Artikel werden verschiedene Ansätze für das Lernen an fehlerhaften Materialien vorgestellt, u.a.:
  • Auswahl aus Klassenarbeiten (anonymisiert) oder aus vorhergehenden Jahrgängen zur Nachbesprechung (s.a. das Beispiel im Beitrag „Fehler in Klassenarbeiten);
  • eine Auswahl von Aufgaben mit besonders disgnostischer Aussagekraft (s. Basisartikel „Wie entwickelt man eine Fehlerkultur?).
Concept Cartoons
Als Material mit „Fehlern lassen sich auch Concept Cartoons mit bewusst implementierten Fehlvorstellungen nutzen (s. [1] und Abb. 1 ). Im Format der sog. Troll Sciences (s. Abb. 2 ) gibt es diese Darstellungen auch in etwas rustikalerer Art.
Fehler bei Experimenten
Für die Inszenierung von fehlerhaftem Verhalten bei Experimenten können z.B. entsprechende Videos (z.B. http://physikkommunizieren.de/) dienen. Geeignet sind auch von der Lehrkraft im Unterricht bewusst fehlerhaft vorgeführte Experimente, z.B.:
  • Die Lehrkraft baut einen Kurzschluss auf.
  • Die Lehrkraft tut so, als würde der Overheadprojektor nicht funktionieren, und wartet auf Tipps der Schülerinnen und Schüler.
Filmfehler und Fehler in anderen Medien
  • Klassiker für diese Art von „Materialien mit Fehlern sind z.B. Science-Fiction-Filme mit Weltraumschlachten, in denen deutliche Gravitationskräfte wirken und der Schall sich trotz des Vakuums ausbreitet.
  • Die Figur Magneto beispielsweise setzt in den X-Men-Filmen das Wechselwirkungsprinzip von Kräften außer Kraft, wenn er dank seiner Magnetkraft einen ganzen Lastwagen wegschleudern kann, ohne sich selbst groß zu rühren.
  • Einen großen Fundus an (unfreiwillig) fehlerbehaftetem Material bieten Youtube-Erklär-Videos, die vermeintlich alles ganz leicht erläutern, dabei aber so deutlich vereinfachen, dass die Erklärung falsch wird (s. Abb. 3 ).
  • Viele Fehler findet man auch in den – oft schnell erstellten Medien in Übungsplattformen wie z.B. http://www.learningapps.org. Da diese Materialien keinen redaktionellen Prozess durchlaufen, fehlt eine intensive Prüfung der fachlichen Richtigkeit.
  • Selbst in Physikschulbüchern sind immer wieder Fehler zu finden diese Suche hat einen besonderen Aufforderungscharakter.
Tandembögen
Bei solchen Arbeitsblättern wurde in der jeweiligen Musterlösung bewusst ein „Vehler eingebaut. Die Lernenden setzen sich aufgrund des versteckten Fehlers (s. graue Angaben in AB 1 – 2 ) mit den Ansätzen und den Lösungen intensiver auseinander.
Die Schülerinnen und Schüler erhalten jeweils einen der beiden Bögen und setzen sich zunächst mit dem unteren Teil auseinander. Dieser enthält zwei Aufgaben mit ausführlichen Musterlösungen. Damit die Rezeption nicht oberflächlich bleibt, ist aber jeweils ein kleiner Rechenfehler versteckt. Wenn man glaubt, diesen gefunden zu haben, kann man es sich von der Lehrkraft bestätigen lassen. Nun beginnt die Arbeit an der eigenen Aufgabe. Sobald man fertig ist, signalisiert man dies, indem man aufsteht und kurz...

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