5. – 13. Schuljahr

Susanne Heinicke und Christoph Holz

Wann wird man aus Fehlern klug?

Perspektiven auf den Umgang mit und das Lernen aus Fehlern

Aus Fehlern wird man klug, sagt der Volksmund. Was für eine tröstliche Aussage, wenn schon ein Fehler geschieht. Aber sehr umsichtig lässt das Sprichwort offen, was es genau bedeutet: Wer wird hier klug und von wessen Fehler? Unter welchen Umständen? Wann und wie? Und wie klug eigentlich?
„Erfahrung ist der Name, den die Menschen ihren Fehlern geben, schrieb Oscar Wilde und umriss damit unser ambivalentes Verhältnis zu Fehlern: Am Ende und im Rückblick ruhmreich und klüger aus Fehlern hervorgehen – ja. Aber Fehler machen? Schmerzhaft. Als schmerzhaft beschreibt daher Oser [1] auch das Lernen, weil es ohne das Fehlermachen nicht auskommt. Ein Loblied auf den Fehler und das Fehlermachen zu singen, wie es in Motivationsseminaren aktuell en vogue ist, enthält daher zwar einen wahren Kern, greift allerdings gleichzeitig zu kurz. Ein produktiver Umgang mit Fehlern braucht mehr und kostet auch mehr. Lernende brauchen einen angstfreien Raum und die Erlaubnis, Fehler machen zu dürfen, und sie brauchen uns als verständnisvolle und weitblickende Begleiter und Vorbilder, um konstruktiv mit Fehlern umgehen zu lernen und zu können.
In diesem Heft beleuchten wir daher verschiedene Perspektiven auf das Fehlermachen, auf den Umgang mit Fehlern und auf die Protagonisten dabei kurz: Facetten einer positiven und produktiven Fehlerkultur für den Physikunterricht. Fehler in den meisten Fällen und Lernzusammenhängen nicht als etwas Negatives zu betrachten, diesen Ansatz verfolgt die Didaktik bereits seit einiger Zeit. Aber was das für jedes Fach eigentlich heißt, das gilt es mit Blick auf jeweilige Fach- und Lehrkultur im Einzelnen durchzubuchstabieren.
Auch das Fach Physik ist beim Umgang mit Fehlern ein spezieller Kandidat: „Physik ist das, was nie gelingt., „Physik habe ich nie verstanden., „In Physik sage ich lieber nichts das ist ja doch meistens falsch. Wir alle kennen solche Aussagen. Und wir haben ebenso eine Ahnung von der Ambivalenz unseres Unterrichtsfaches, in dem auch unsere Offenheit für Fehler oft genug damit kollidiert oder sogar ad absurdum geführt wird, dass das fachliche und oft auch das prozessbezogene Lernziel in einer Klarheit gegeben ist, bei der man Etiketten wie „falsch und „richtig kaum vermeiden kann (s. Beispiele in Kasten 1).
Kasten 1: Offenheit für Fehler vs. Fachkultur der Physik
Kasten 1: Offenheit für Fehler vs. Fachkultur der Physik
Das hookesche Gesetz in einem Experiment zu stützen oder aus ihm abzuleiten, bringt in Hinblick auf das Ergebnis (und oft genug auch auf den Erkenntnisprozess) deutlich weniger Spielraum mit sich als die Gestaltung eines Bildes im Kunstunterricht, die Zusammenfassung eines Textes im Englisch- oder das Angriffsspiel im Sportunterricht.
Unterrichtskonzepte, die auch das Lernen über die „Natur der Naturwissenschaften einschließen, helfen, die vermeintliche Unumstößlichkeit der konventionellen Wissensbestände kritisch einzuordnen und den Wahrheitsbegriff zu hinterfragen. Der Grundcharakter der Fachkultur setzt nichtsdestotrotz klare Maßstäbe der Beurteilung in richtig und falsch.
Auch das Verfassen von typischerweise sehr verdichteten Fachtexten im Physikunterricht erfolgt anhand der in der Fachsprache festgelegten Redewendungen entlang enger Bahnen.
Das Machen von Fehlern und unsere Reaktion auf sie lohnen daher einen genaueren Blick. Dem will sich dieses Heft aus unterschiedlichen Perspektiven nähern.
Dazu werfen wir auf den folgenden Seiten u.a. einen Blick auf die Fachdisziplin Physik, auf unser Wissen über die mit einem Lernen aus Fehlern verbundenen neurophysiologischen Prozesse und auf die möglichen Fallstricke einer zu kurz gegriffenen Vereinfachung von Prozessen, denen zufolge Fehler zur sprichwörtlich prognostizierten Klugheit führen sollen.
Fehler: eine begriffliche Klärung
Was ist überhaupt ein...

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