5. – 13. Schuljahr

Martin Ernst Kraus

Wie entwickelt man eine Fehlerkultur?

Fehler im Physikunterricht wahrnehmen, einordnen und mit ihnen umgehen

Dass im Unterricht Fehler gemacht werden dürfen und diese Fehler lernwirksam genutzt werden sollten, gehört inzwischen zum Selbstverständnis der Fachdidaktik. Jedoch ist die Umsetzung dieser Forderung keinesfalls ein Selbstläufer. Wie schafft man eine Unterrichtsatmosphäre, in der Fehler wahrgenommen, eingeordnet und angemessen zum Lernen genutzt werden? Eine Fehlerkultur ist fachspezifisch ([1], S. 105), subjektiv und personenabhängig. Jedes Unterrichtsfach steht damit in der Verantwortung, eine eigene Kultur zu entwickeln (s. dazu auch die Ideen im Artikel „Fehlervermeidungsstrategien durch Feedback entgegenwirken). Die Ausprägung hängt nicht nur stark mit einem konstruktivistischen Lernverständnis zusammen (s. [1], S. 105), sondern auch mit Fachtraditionen insbesondere in einem Schulfach, in dem es einen Kanon von klar falschen und richtigen Aussagen gibt.
Fehler wahrnehmen
In Videostudien von Physikunterricht wurde beobachtet, dass Fehler im Durchschnitt nur fünf Mal pro Stunde und damit eher selten auftraten ([2], S. 24). Also sind deutlich erkennbare und produktive Fehler nicht sehr häufig und müssen daher von Lehrkräften bewusst gesucht werden. Die Diagnose mag dabei wie ein regelrechtes „Fahnden nach Fehlern ([3], S. 24) wirken; sie ist jedoch notwendig, um mit Fehlern konstruktiv umgehen zu können, weil deren Wahrnehmung einen großen Einfluss auf die Unterrichtsqualität hat.
Klassenarbeiten
Klassenarbeiten und Klausuren erlauben den größten Zugriff auf den Wissensstand und die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Häufig sind die Lernenden (und manchmal auch die Lehrkräfte) bei der Rückgabe jedoch nachlässig und nutzen dies weniger als Lerngelegenheit: Die Note wird in der eigenen Notenübersicht eingetragen, die Klassenarbeit höchstens hinsichtlich möglicher Korrekturfehler durchgesehen, um ggf. noch einige Rohpunkte mehr zu erhalten.
Um diese Situation umzumünzen, sollten Klassenarbeiten v.a. hinsichtlich der dort auftretenden Kompetenzdefizite gesichtet und rückgemeldet werden (ausführlicher in [4], S. 68 – 72). Die Klassenarbeit wird dahingehend analysiert, ob vorher geübte Fachmethoden, wie z.B. die Deutung von Steigungen in einem (Teil-)Graphen, tatsächlich von mehr als 75 % der Schülerinnen und Schüler beherrscht werden. Ist dies nicht der Fall, so muss der entsprechende Fehlertyp in weiteren Trainingseinheiten angegangen werden. Gleiches gilt für Fehlkonzepte, die immer noch vorhanden sind.
Kurztests
Für viele Bereiche der Physik wurden in der Fachdidaktik große Multiple-Choice-Tests entwickelt. Der prominenteste Vertreter eines solchen Tests ist der Force Concept Inventory [5]. Das Herausgreifen einzelner, abgewandelter Testaufgaben kann regelrecht zu einem Lackmustest des Verständnisses führen (vgl. [6]).
Kartenabfrage
Für eine Schnelldiagnose haben sich anonymisierte Kartenabfragen bewährt (s. [6]). Ein Beispiel findet sich in Abbildung 1 .
Dafür geeignete digitale Tools auf Webseiten wie https://kahoot.com/, https://www.mentimeter.com/, https://learningapps.org/ oder https://h5p.org/ stellen die Anforderung von Kartenabfragen in modernem Gewand dar, allerdings benötigt man dafür i.d.R. einen kostenpflichtigen Account.
Abgabe von Hausaufgaben in einer digitalen Lernumgebung
Learning-Management-Systeme wie z.B. Moodle oder die HPI-Schul-Cloud ermöglichen es, dass Lehrkräfte Hausaufgaben bereits im Vorfeld des Unterrichts sichten können. Es besteht sogar die Möglichkeit eines individuellen Feedbacks, auch wenn dies aus Gründen der Arbeitsbelastung Grenzen hat. Anstatt jedoch die kostbaren Minuten einer Unterrichtsstunde mit einer tendenziell eher oberflächlichen Hausaufgabenkontrolle zu verschwenden, ermöglicht die digitale Abgabe eine passgenaue Einbindung in den Unterricht (s. Beispiel in Kasten 1).
Kasten 1: Einbindung...

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