5. – 13. Schuljahr

Michael Sach und Susanne Heinicke

Herausforderung Inklusion im Physikunterricht

Einblicke in Visionen und Realitäten

Was soll eigentlich in der 8a passieren? Torsten1) hat neue Batterien in seinem Hörgerät. Wenn er dank unserer FM-Anlage alles mitbekommt, wird er wieder viele Vorschläge zu Experimenten machen, die wir aufgrund unseres reichhaltigen Schülerübungsmaterials durchführen können. Seitdem unser Physikraum barrierefrei zu erreichen ist und einen Platz für Sarahs Rollstuhl hat, gibt es keine Verzögerungen mehr beim Unterrichtseinstieg. Das Tablet von Marco ist an das Whiteboard gekoppelt, so kann er sich den Tafelanschrieb passend zu seiner Sehschwäche selbstständig vergrößern. Auf einigen unserer iPads liegt eine Selbstlernsequenz mit gut gemachten interaktiven Bildschirmexperimenten zum Thema „Von der Rolle zum Flaschenzug, sodass Silvana trotz ihrer eingeschränkten haptischen Fähigkeiten und Ali trotz seiner Lernbehinderung im eigenen Lerntempo vorgehen können. Yusuf wird dieses Programm auch in vereinfachter Sprache nutzen können, unbekannte Fachbegriffe wie „Kraftwandler werden ihm auf syrisch angezeigt und vorgelesen.
Wie gestern in unser regulären Klassenteamstunde (ich als physikdidaktisch geschulter Fachlehrer, die engagierten Sozialarbeiter und die spezialisierte Förderschullehrerin) für den Physikunterricht geplant, wird die am Unterricht teilnehmende Schulpsychologin den Autisten Daniel in der als Gruppenarbeit angelegten Experimentierphase besonders aufmerksam begleiten. Die als Schulassistenten abgeordneten Fachkräfte der Jugendhilfe werden wie immer sowohl unauffällig als auch professionell Kevin, Miro und Sandy helfen, die mit ihren sozial-emotionalen Verhaltensstörungen nach ICD-10-WHO (F90ff.)2) besonderer Unterstützung bedürfen. Sophie, die wegen ihrer chronischen Krankheit wieder ins Krankenhaus musste, wird dank des von Schülern organisierten Helfersystems mit allen Informationen zur Stunde digital versorgt.
Und auch die anderen zehn Schülerinnen und Schüler aus sechs Nationen ohne besonderen Förderbedarf freuen sich auf den Physikunterricht! Im Inhaltsfeld „Technik im Dienst des Menschen geht es heute um den Lerngegenstand „Anwendungen von Kraftwandlern im Alltag. Dank unserer fachdidaktischen Fortbildung kann ich auf einen umfangreichen Pool von Arbeitsmaterialien zurückgreifen, die sowohl der Physik als Fach als auch der heterogenen Lerngruppe gerecht werden. Durch die entlastenden Rahmenbedingungen meiner Schule (wie eine eingeschränkte Unterrichtsverpflichtung und eine Minimierung des Vorbereitungsaufwandes dank Teambildung) kann ich meiner Rolle als Lernbegleiter für einzelne Lerner aber auch für die gesamte Lerngruppe gerecht werden. Durch die enge und kontinuierliche Kooperation von Schule und Elternhaus seit Jahren ist das zieldifferente Unterrichten in meiner inklusiven 8a kein Problem mehr.
Nur ein (Alp-)Traum, gar Zynismus? Oder eine konkrete Vision, die den barrierefreien, multidimensionalen Weg öffnet in eine gelungene Umsetzung eines international vereinbarten Menschenrechtes?
Charakteristisches Merkmal dieser inklusiv handelnden Physiklehrkraft sind wie bei jeder guten Lehrkraft – ihre hohe Wertschätzung der Unterschiedlichkeit der Lernenden, ihre positiven Erfahrungen in kooperierenden Lehrformen und ihre positiv optimistische, gelassene pädagogische Haltung.
Charakteristisches Merkmal dieses fiktiv zugespitzten inklusiven Physikunterrichtes ist die extreme Heterogenität der Kinder. Lernende mit besonderen Förderbedarfen durch körper- oder sinnesbezogene Einschränkungen, entwicklungsverzögerte, verhaltensauffällige, lernbehinderte Kinder oder solche mit sozialen und emotionalen Entwicklungsstörungen bzw. Teilleistungsschwächen (z.B. LRS/Dyskalkulie), aber auch Lernende ohne Förderbedarfe sind gemeinsam zu unterrichten. Letztlich entsprechen nur die Anzahl der Kinder mit besonderem Förderbedarf sowie die Vielzahl der Problemlagen in...

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