1. – 13. Schuljahr

Sprachliche Stolpersteine der Inklusion

Das Themenfeld der Inklusion bietet nicht nur inhaltliche Herausforderungen. Es wartet auch mit einer Reihe von sprachlichen Stolpersteinen auf. Auf der einen Seite wollen wir inkludieren und Unterschiede daher streng genommen gar nicht (als normabweichend) benennen. Auf der anderen Seite ist ohne die Benennung von Unterschieden beispielsweise eine spezifische Förderung praktisch unmöglich. Die Forderung nach einer Teilhabe an Normalität und den dazu notwendigen Unterstützungsmaßnahmen setzt allerdings eine Benennung von Unterschieden voraus. Damit wird die Dekonstruktion von Normalität allerdings unmöglich, wie dies [1] unter dem Schlagwort der trilemmatischen Inklusion herausstellt. Aus anderem Zusammenhang kennen wir diese Schwierigkeit bereits: Um den Anteil an Frauen in Führungspositionen auf eine als Normalität definierte Zahl von 50 % zu heben, werden speziell Frauen in ihren Karrierewegen unterstützt. Dadurch wird der Unterschied Geschlecht allerdings nicht dekonstruiert, sondern im Diskurs eher verstärkt.
Ziel dieser Zusammenstellung ist es, die üblicherweise gebräuchlichen Termini vorzustellen und kritisch zu betrachten. Im Sinne einer sprachlichen Einheitlichkeit in diesem Themenheft schlagen wir einen begrifflichen Kanon vor, der jedoch ebenfalls nicht alle linguistischen und politischen Klippen umschiffen kann.
Behinderung
Das im Basisartikel zitierte grundlegende UN-Schriftstück trägt den Titel „UN-Behindertenrechtskonvention. In seiner Präambel e) wird präzisiert: „dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht ... In Artikel 1, S. 2, werden aber auch Personen entsprechend beschrieben: „Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können.
Der Begriff „Behinderung wird im deutschen Sprachgebrauch kontrovers diskutiert. Dies gilt vor allem für die Bezeichnung der „Lernbehinderung (alternativ: Menschen mit Lernschwierigkeiten). Die Verwendung des Begriffs Behinderung im Zusammenhang von Lernen hat allerdings auch eine rechtliche Dimension: Menschen mit einer Lernbehinderung fallen ebenfalls unter die zu fördernde Personengruppe im Sinne der UN-Konvention. § 19 Abs. 1 SGB III garantiert ihnen ein Recht auf eine Berufsausbildung und sie erhalten vielfältige Unterstützung.
Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischer Unterstützung
Die Bezeichnung dieser Personengruppe ist vermutlich am wenigsten einheitlich und am stärksten unter wechselseitiger Kritik. Alternative Benennungen sind beispielsweise: Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf, mit sonderpädagogischem Förderbedarf, mit sonderpädagogischer Förderung, mit diagnostiziertem sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf, mit Behinderung oder auch Inklusionsschüler (kurz: I-Schüler) bzw. Förderschüler.
Wir verwenden in diesem Heft den Begriff der Lernenden mit sonderpädagogischer Unterstützung. Dagegen ist die Bezeichnung „ mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf unschärfer, da sie zum einen auch nicht-diagnostizierte Bedarfe umfassen kann und zum anderen auch diagnostizierte Fälle, die jedoch keine Unterstützung erhalten.
Auch ein diagnostizierter Unterstützungsbedarf bedeutet nicht, dass diese Schülerinnen und Schüler nicht denselben Schulabschluss wie alle anderen Lernenden als Ziel haben können. Es müsste daher noch zwischen zielgleich und zieldifferent unterrichteten Lernenden mit sonderpädagogischer Unterstützung unterschieden werden.
Regelschülerinnen und Regelschüler
Im deutschen Schulsystem werden alle staatlichen allgemeinbildenden Schulen als Regelschulen bezeichnet. Als Regelschülerinnen und -schüler werden...

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