1. – 13. Schuljahr

Markus Rehm und Lutz Stäudel

Auf dem Weg zum integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht

Frühe Ansätze und aktuelle Entwicklungen

Aktuell sehen die Bildungspläne für die Klassen 5 und 6 fast aller Bundesländer integrierten naturwissenschaftlichen Anfangsunterricht vor oder eröffnen zumindest eine entsprechende Option. Das war keineswegs immer so. Was sich heute im Wesentlichen als Einführung in das naturwissenschaftliche Arbeiten anhand von alltagsbezogenen Inhalten versteht, ist aus einem mit Kontroversen gespickten Prozess aus Ansätzen des fächerübergreifenden Unterrichts hervorgegangen.
Erste Anfänge und massive Widerstände
Während im anglo-amerikanischen Bereich in den 1970er-Jahren fächerübergreifende Konzepte längst Normalität waren, bestanden in Westdeutschland erhebliche Bedenken gegenüber jeder Art der Veränderung der Fächerstruktur. Dies hing zum einen mit den Widerständen gegen die Einführung der Gesamtschule zusammen, zum anderen befürchteten Verbände der Biologie-Lehrerinnen und -Lehrer eine Beschneidung ihrer Stundenzahl in der Mittelstufe. Schließlich spielte auch das Selbstverständnis der Lehrkräfte eine Rolle, die sich z.B. eher als Biologen, Chemiker oder Physiker denn als Lehrkräfte verstanden.
Die Bereitschaft zu Veränderungen im anglo-amerikanischen Raum war primär Folge des sog. „Sputnik-Schocks, also des Umstands, dass es der UdSSR noch vor den USA gelungen war, einen Satelliten in eine Umlaufbahn zu bringen. Verantwortlich gemacht wurde dafür auch eine ineffiziente naturwissenschaftliche Bildung, die es mit veränderten Perspektiven zu reformieren galt. Es wurden neue Begriffe geprägt, die bald auch Deutschland erreichten: Die Ablösung der „Lehrpläne durch das „Curriculum beinhaltete auch das Nachdenken darüber, ob Fachunterricht nicht mehr sein sollte als eine Ansammlung von Fachinhalten.
Die Auseinandersetzung mit den neuen Ansätzen von Science Education fand parallel an vielen Stellen statt, u.a.
  • am damals noch jungen DIFF, dem Deutschen Institut für Fernstudien in Tübingen,
  • am 1966 in Kiel gegründeten IPN, heute „Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik.
Aufsehen erregte aber erst ein „Plädoyer für einen integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht [1], das die „Selbstisolation der Einzelfächer und ihrer Vertreter anprangerte. Integrierter naturwissenschaftlicher Unterrichts sollte sich gegenüber dem gesellschaftlichen Umfeld öffnen, in dem die Wissenschaften zu verorten seien, einen starren Wissenskanon ablösen durch die Auseinandersetzung mit den Methoden der Naturwissenschaften und schließlich beitragen zu einer bewussten heute würden wir sagen: kompetenten Teilhabe der künftigen Erwachsenen an der gesellschaftlichen Entwicklung. Den Höhepunkt der darauf folgenden Diskussion um eine naturwissenschaftliche Curriculum-Reform bildete das 5. IPN-Symposium 1973 [2], jedoch ohne nennenswerte Ausstrahlungen für die schulische Unterrichtspraxis.
Auch die vor diesem Hintergrund eingerichteten Modellprojekte blieben in ihren Wirkungen lokal begrenzt, so die Projektgruppe PINC (Projekt Integriertes Naturwissenschaftliches Curriculum, 1973 – 1976) des Berliner Senats oder die Projekte des von der VW-Stiftung geförderten Schwerpunktprogramms CUNA (Curriculumforschung und Entwicklung im Bereich der Naturwissenschaften): Weder die Arbeiten an der Bielefelder Laborschule, an der Integrierten Gesamtschule Garbsen oder einer Projektgruppe am Deutschen Museum in München hatten Einfluss auf die Bildungspläne der Bundesländer.
Wie heftig sich das konservative Lager von derlei Vorschlägen angegriffen fühlte, war bereits einige Jahre früher deutlich geworden. Die Chemiedidaktikerin Gerda Freise hatte den Chemieunterricht als überfrachtet, weltfremd und schülerfern gebrandmarkt [3] und wenig später erste Ansätze für einen integrierten naturwissenschaftlichen Unterricht daraus abgeleitet. Namhaften Vertretern von...

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