5. – 13. Schuljahr

Ralph Hepp

Gemeinsames Lernen individuelle Leistung?

Leistungsbewertung in kooperativen Lernphasen

Beurteilung und Bewertung in Gruppenprozessen ist ein schwieriges Thema. Viele Lehrkräfte und auch Eltern sehen Probleme, Schülerinnen und Schülern Einzelnoten für eine gemeinsam erbrachte Leistung zu geben. Der Sinn von kooperativen Lernformen liegt jedoch gerade auch darin, gemeinsam fachliche und soziale Ziele zu erreichen und sich dabei gegenseitig zu unterstützen. Der Widerspruch zwischen Forderungen nach einer effizienten und möglichst objektiven Leistungsbewertung des Einzelnen auf der einen Seite und der bewussten Initiierung von in Teamarbeit erbrachten Leistungen auf der anderen Seite kann nicht mit den herkömmlichen Bewertungsinstrumenten gelöst werden. Im Gegenteil: Würde man das übliche System der Beurteilung von Einzelleistungen unreflektiert auf kooperatives Lernen übertragen, könnte dies die Gruppenprozesse empfindlich stören. Umgekehrt wird ein Teammitglied jedoch umso mehr am gemeinsamen Erfolg interessiert sein, wenn sich dadurch auch eine gute Einzelbewertung ergibt.
Methoden zur Beurteilung von Gruppenleistungen
In [1] – [9] werden Möglichkeiten der Beurteilung von in Gruppen erbrachten Leistungen beschrieben:
  • Teamarbeit wird als gemeinsame Leistung für alle gleich bewertet, egal, welchen Anteil jeder einzelne Lernende an der Leistung hatte.
  • Teamarbeit wird für alle gleich bewertet, aber der einzelne Lernende bekommt noch zusätzliche Punkte oder Vergünstigungen (Bonussystem) Süßigkeiten, keine Hausaufgaben, Leitung der Gruppe beim nächsten Mal
  • Die Teamarbeit wird nicht bewertet. Dafür wird aber in einem nachfolgenden Test die Leistung des Einzelnen festgestellt.
  • Die Teamarbeit wird nicht bewertet. Dafür wird aber in einem nachfolgenden Test die Leistung des Einzelnen festgestellt und mit einem Gruppenbonus versehen, z.B., wenn alle Gruppenmitglieder den Test besser als mit Note 4 schreiben.
  • Die Teamarbeit wird produktbezogen bewertet, kombiniert mit einer reflektierenden Mitbewertung der Teammitglieder. Dies kann z.B. durch die von den Schülerinnen und Schülern realisierte zusätzli-che Vergabe von n + 2 Punkten bei n Mitgliedern mit schriftlicher Begründung geschehen.
  • Die Teamarbeit wird produktbezogen bewertet, kombiniert mit einer Bewertung des Prozesses anhand von Beobachtungsbögen.
Alle diese Vorschläge haben ihre Berechtigung, ihre Vorteile, aber auch Nachteile, und es liegt am einzelnen Lehrer, welche der Möglichkeiten er für geeignet hält. Bei Diskussionen in Seminaren zu diesem Thema mit Referendaren oder in der Lehrerfortbildung gibt es immer eine begründete Zustimmung zu der einen oder anderen Variante, eine Häufung jedoch vor allem bei den beiden letzten Varianten, die ich auch selbst in meinem Unterricht praktiziere und die auch die Grundlage der im Folgenden vorgestellten Materialien sind.
Allen Vorschlägen ist gemeinsam, dass
  • die zu bewertenden Leistungen sich in den Zielen und Inhalten der jeweiligen Lehrpläne wiederfinden müssen (Rechtsgrundlage),
  • sie die auf herkömmliche Weise ermittelten, individuellen Noten in Klassenarbeiten, mündlichen und schriftlichen Kontrollen, Referaten und Experimenten ergänzen (Additum),
  • jede Unterrichtssituation in ihrer Besonderheit Berücksichtigung findet und die sich daraus ergebenden Ziele und Bewertungskriterien zu Beginn der Lernphase allen Schülerinnen und Schülern bekannt sind (Transparenz), im Idealfall sogar gemeinsam mit ihnen erarbeitet werden,
  • die Leistungsbewertung des Einzelnen in einer Gruppe ein Prozess ist, der insbesondere hin-sichtlich der Gewichtung einzelner Bewertungskriterien flexibel der jeweiligen Situation angepasst werden kann (Flexibilität),
  • es bei der Notenfindung Phasen der Selbst-, aber auch der Fremdeinschätzung durch die Gruppenmitglieder gibt (Dialog),
  • die erteilten Noten mit ihrer Begründung offen gelegt werden (Ehrlichkeit).
In [9] werden handhabbare Vorgehensweisen zur...

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