5. – 13. Schuljahr

Markus Sebastian Feser und Dietmar Höttecke

Wie beurteilt man eine Schülererklärung?

Klassenarbeiten kriteriengeleitet korrigieren

„Erkläre dieses Phänomen in eigenen Worten! Solche Arbeitsanweisungen haben Sie bestimmt schon einmal in einer Klassenarbeit gestellt. Doch wie kann man Schülertexte, in denen ein physikalischer Sachverhalt erklärt werden soll, eigentlich beurteilen?
Konzeption und Korrektur einer Klassenarbeit
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben eine Klassenarbeit zum Themengebiet Akustik konzipiert. Sie haben viele wichtige Faustregeln beachtet (vgl. [1]; s.a. den Artikel von Hepp zu Klassenarbeiten):
  • Die Aufgaben streuen über ein Schwierigkeits- und Fähigkeitsspektrum.
  • Die Aufgaben beziehen sich auf möglichst abgrenzbare Kompetenzbereiche und Teilfähigkeiten.
  • Sie unterscheiden sich hinsichtlich des Aufgabentyps und enthalten angemessene Operatoren.
  • Die Aufgaben sind lehrplankonform und beziehen sich auf den Unterricht der letzten Wochen.
Zudem haben Sie sich bereits Gedanken über die Bepunktung der einzelnen Aufgaben gemacht.
Nun sitzen Sie mit dem Stapel Klassenarbeiten zu Hause am Schreibtisch. Sie entscheiden sich, die Klassenarbeit Aufgabe für Aufgabe zu korrigieren und dabei möglichst zu ignorieren, welche(n) Schüler(in) Sie gerade vor sich haben (s. z.B. [2]).
Korrektur einer Beispiel-Aufgabe
Sie nehmen nun Ihren Erwartungshorizont zur Hand und beschließen, mit der offenen Aufgabe „Weltraumspaziergang zu beginnen (s. Kasten 1).
Sie möchten sich nun einen Überblick darüber verschaffen, wie gut die Aufgabe bearbeitet wurde, indem Sie sich die ersten vier Arbeiten vom Stapel nehmen und die Erklärungen der Schülerinnen und Schüler nacheinander lesen (s. Kasten 1).
Aufgabe 1: Weltraumspaziergang (5 Punkte)
Aufgabe 1: Weltraumspaziergang (5 Punkte)
Bei einem Weltraumspaziergang reißt zwischen zwei Astronauten die Funkverbindung ab. Obwohl der eine Astronaut aus Leibeskräften schreit, hört ihn sein Kamerad nicht. Der ältere Astronaut hält seinen in Panik geratenen Kollegen fest und presst seinen Helm an den des Kollegen. Plötzlich kann der jüngere den älteren leise hören. Erkläre beide Phänomene genau!
Schülertext 1:
Im All ist nichts, durch das Ton geht, und er hört seinen Freund nicht. Dann kommt aber Ton durch die Helme, da Ton über Glas geht.
Schülertext 2:
Die beiden Astronauten können sich wieder hören, weil der geringe Abstand zwischen den beiden Funkgeräten eine bessere Funkverbindung herstellt. Deswegen kann der jüngere den älteren wieder leise hören.
Schülertext 3:
1. Nicht hörbar: Im Weltall herrscht ein Vakuum, also können sich die Schwingungen nicht fortbewegen. Sie werden nämlich durch Luft geleitet.
2. Noch hörbar: Die Helme bestehen aus Glas. Wenn man innerhalb des Helmes spricht, kann sich die Stimme ausbreiten, da es Luft gibt. Hält man zwei Helme aneinander, werden die Schallwellen durch die Schwingungen des Glases weitergegeben.
Schülertext 4:
Sie haben sich nicht gehört, weil die Frequenz nicht gut genug war, haben sie sich nicht gehört.
Auf den ersten Blick wirkt es so, als würde nur Schülertext 3 den Erwartungen entsprechen. Die übrigen Texte scheinen auf fachlicher und/oder sprachlicher Ebene Mängel aufzuweisen. Es ist nicht leicht, einen Erwartungshorizont zu formulieren, der es Ihnen ermöglicht, die Stärken und Schwächen der einzelnen Schülertexte in Punkte zu übersetzen. Hierfür wäre es hilfreich, über möglichst klare Qualitätsmerkmale der fachlichen Güte eines Schülertextes zu verfügen und Kriterien anzuwenden, die angeben, wann ein Qualitätsmerkmal mehr oder weniger erfüllt ist.
Entwicklung eines Kriterienrasters
In einer Studie [3] wurden 21 Physiklehrkräfte gebeten, sich in die eben beschriebene Situation hineinzuversetzen und die vier Schülertexte 1) zu korrigieren. Anschließend haben wir jede Lehrkraft interviewt.
Herr Uckermark 2) er unterrichtet Physik und Englisch an einem Gymnasium berichtete dabei...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen