5. – 13. Schuljahr

Ralph Hepp

Kein Lernen ohne Üben

Effektives Lernen initiieren und Gelerntes nachhaltig sichern

Die Erfahrungen von Lehrkräften, aber auch Studien (s. u.a. [1]), zeigen, dass das im Unterricht Erarbeitete oft nicht nachhaltig und sicher verfügbar ist: Viele Schülerinnen und Schüler können das Gelernte kaum anwenden und sich nach Monaten oder gar nach Jahren nur selten überhaupt noch daran erinnern. Was ist der Grund für diesen sichtbaren Misserfolg? Eine schnell gegebene und oft wohl auch richtige Begründung ist: „Die Schülerinnen und Schüler haben zu wenig geübt! Doch aus dieser Antwort ergeben sich viele neue Fragen, nämlich z.B.:
  • Was ist zu wenig geübt worden? Begriffe, Zusammenhänge, Aufgaben lösen oder einfach alles?
  • Wie funktioniert eigentlich „richtiges Üben? Haben die Schülerinnen und Schüler gelernt, wie sie „richtig üben können?
  • Wann muss geübt werden?
  • Warum muss überhaupt geübt werden?
Derartige Fragen verweisen auch auf die Unsicherheit sowie die oft wenig systematischen Kenntnisse vieler (Physik-)Lehrkräfte in Bezug auf das Üben. 1) Diese Unsicherheit zeigt sich auch in der synonymen Verwendung zahlreicher Begriffe, die das „Festigen von Wissen beschreiben: Ergebnissicherung, Übung, Wiederholung, Zusammenfassung, Anwendung, Transfer, Vertiefung, Verallgemeinerung, Trainieren, Routinebildung,
Hilfreich kann daher eine für dieses Heft getroffene „Arbeitsdefinition des Begriffs „Üben sein:
  • „Unter ,Üben seien alle Aktivitäten verstanden, die einer Schülerin, einem Schüler helfen, neu aufgenommene Informationen, neu erkannte Zusammenhänge und im Prinzip erfasste Abfolgen von Denk- und Handlungsschritten auf eine Weise präsent zu halten, dass über sie in Situationen, in denen diese Informationen etc. gebraucht werden, möglichst sicher verfügt werden kann. ([4], S. 7)
Nach diesem Verständnis wird mit dem Üben also neu angeeignetes Wissen und Können verdichtet und anwendbar. Dabei erscheint eine strenge Trennung von Lernen und Üben als nicht korrekt, denn: „Übung beschreibt eine Form des Lernens, die auf die Verankerung von Wissen im Gedächtnis und die Internalisierung (Verinnerlichung) von Fähigkeiten angelegt ist. ([5], S. 5) Üben wird hier also wesentlich weiter gefasst als üblich. Dies trägt u.a. dem Gedanken Rechnung, dass selbst in komplexen Transfersituationen letztlich immer auch das vorher erworbene Wissen und Können „geübt wird.
Ziele des Übens
Im Unterricht ist es wichtig, verschiedene Methoden des Übens sinnvoll mit Blick auf die konkret angestrebten Ziele auszuwählen und die Schülerinnen und Schüler sowohl mit den Zielen als auch mit den Methoden des Übens vertraut zu machen. Heymann [4] hat dazu folgende Klassifikation 2) vorgeschlagen: Üben mit dem Ziel
  • der Aneignung von Wissen in Form von Kenntnissen (sog. „deklaratives Wissen) also z.B. von Begriffen, Definitionen, einfachen Wirkungsabfolgen,
  • der Aneignung und Automatisierung von Fertigkeiten (sog. „prozedurales Wissen) also z.B. das Nachschlagen von physikalischen Begriffen im Internet, das exakte Zeichnen von Schaltplänen, das Konstruieren mit physikalischen Modellen (z.B. Bildkonstruktion an Linsen),
  • der Bewältigung komplexer Anforderungen also z.B. das Herleiten von Gleichungen, das zielgerichtete Experimentieren, das Lesen und Verstehen von Sachtexten.
Zudem werden mit dem unterrichtlichen sowie dem individuellen Üben auch allgemeinere Ziele verfolgt, nämlich:
  • dem Vergessen vorzubeugen,
  • Handlungen und Fertigkeiten zu automatisieren (u.a., um Kapazitäten des Gehirns für komplexe Anforderungen freizusetzen; s. Kasten 1),
  • Gelerntes auf neue Wissens- und Könnensbereiche zu übertragen und anzuwenden,
  • Gelerntes durch seine wiederholte Anwendung besser zu verstehen.
Kasten 1: Üben aus physiologischer und psychologischer Sicht
Kasten 1: Üben aus physiologischer und psychologischer Sicht
Vom Reiz zum Erinnern
In unserem Gehirn werden die über die verschiedenen Sinneskanäle...

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