7. – 12. Schuljahr

H. Joachim Schlichting

Sich ein Bild von der Natur machen

Fotografierte Natur- und Alltagsphänomene

Wenn man im Rahmen der Physik von Phänomenen im Allgemeinen und Natur- und Alltagsphänomenen im Besonderen spricht, so sind damit nicht einfach nur neutrale Beobachtungsinhalte gemeint, sie stellen immer schon gewisse Zusammenhänge von Tatsachen dar. Sie entstehen überhaupt erst dadurch, dass man sich auf bestimmte, auffällige physikalische Merkmale von beobachteten Vorgängen im Alltag konzentriert. Sieht man einmal von jenen spektakulären Großereignissen wie Regenbogen, Mondfinsternis u.Ä. ab, so muss man also schon ein gewisses Vorverständnis mitbringen, um Naturphänomene überhaupt als solche wahrzunehmen. Es genügt nicht, dass unsere Netzhäute entsprechend belichtet werden; es muss auch jemand hinter ihnen stehen, der die Bilder als dies oder das wahrnimmt. Natur- und Alltagsphänomene muss man gewissermaßen sehen lernen. Es zeigt sich, dass mit einem solchen Erlernen ein physikalischer Blick ausgebildet wird, der in scheinbar ganz alltäglichen Situationen das Phänomenale zu entdecken vermag.
Warum sollte man im Physikunterricht trotz der großen Stofffülle Naturphänomene behandeln? Bei der Behandlung von Natur- und Alltagsphänomenen geht es weniger um zusätzliche Inhalte, als vielmehr darum, teils überraschende Begegnungen mit bekannten physikalischen Sachverhalten in realen, alltäglichen Zusammenhängen und Situationen außerhalb des Physikunterrichts zu ermöglichen. Ein weiteres Ziel dabei ist es zudem, nicht im fachwissenschaftlichen Gehäuse sitzen zu bleiben, sondern im Sinne von Allgemeinbildung physikalische Inhalte in authentischen Situationen aufzuspüren, anzuwenden und zu vertiefen. Dies erscheint auch lerntheoretisch geboten, da nicht angewandtes Wissen meist wieder vergessen wird und über kurz oder lang wieder verfällt.
Naturwahrnehmung über Medien
Um Schülerinnen und Schüler für Natur- und Alltagsphänomene zu sensibilisieren, dürften Exkursionen u.Ä. im Schulalltag die große Ausnahme bleiben. Eine viel größere und vor allem praktikable Möglichkeit sehen wir in der schulischen Auseinandersetzung mit den Phänomenen in Form von Medien, Fotos, Videos, Simulationen etc. Diese können das ursprüngliche Phänomen zwar nicht ersetzen, aber helfen, dessen Sichtbarwerden außerhalb des Physikunterrichts vorzubereiten und zu initiieren. Sie nehmen eine ähnliche Rolle im Physikunterricht ein, wie das Experiment.
Allein die Tatsache, dass die Schülerinnen und Schüler im Physikunterricht ein Bild betrachten und beschreiben sollen, fokussiert ihre Aufmerksamkeit auf Besonderheiten, auf die sie weder in der entsprechenden Realsituation noch in einem anderen Kontext achten würden. Und da die Fotos im Allgemeinen auch so ausgewählt werden, dass sie ein oder mehrere bestimmte Phänomene enthalten, ist die Chance, sie auch zu entdecken, entsprechend groß.
Fotos haben darüber hinaus die Eigenschaft, eine Situation objektiv, so wie sie „wirklich war, wiederzugeben, was beispielsweise bei einem gezeichneten oder gemalten Bild meist nicht der Fall ist. Dort werden in der Regel unwichtige Aspekte weggelassen und wichtige Details hervorgehoben, um sicherer und schneller zum „Ziel zu gelangen. Das leistet in anderen didaktischen Zusammenhängen wertvolle Hilfe. Wenn aber das Ziel darin besteht, Naturphänomene nicht nur beschreiben zu können, sondern sie auch in „freier Natur entdecken zu lernen, kommt es wesentlich darauf an, dass dies in einem authentischen Kontext erfolgt. Die fachorientierte intellektuelle und visuelle „Arbeit, der natürlichen und wissenschaftlich-technischen Welt die physikalischen Aspekte in Form eines Phänomens gewissermaßen abzuringen, muss eingeübt werden. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Schülerinnen und Schüler auch außerhalb des Physikunterrichts Naturphänomenen wieder begegnen und möglicherweise sogar neue entdecken wesentlich gesteigert.
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