5. – 10. Schuljahr

Peter Heering und Martin Ellrodt

Geschichten erzählen im Physikunterricht

Beispiele und Tipps zur Methode „StoryTelling

Vermutlich hat jede Physiklehrerin und jeder Physiklehrer schon vor der Lerngruppe gestanden und etwas erzählt etwa über einen Versuchsaufbau oder eine technische Anwendung eines Prinzips. Aber Geschichten zu erzählen ist dann doch etwas anderes. Einige mögen bereits entsprechende Erfahrungen gemacht haben, andere aber vielleicht auch davor zurückschrecken sei es, weil es als nicht mehr zeitgemäß erscheint, Geschichten zu erzählen und damit zumindest scheinbar frontal zu unterrichten, sei es, weil sie sich selber in der Schule gelangweilt haben, wenn ihre Lehrkraft Geschichten zum Besten gab.
In diesem Beitrag möchten wir Ihnen mit dem StoryTelling eine Methode vorstellen, die eine der ältesten Kulturtechniken aufgreift – das mündliche Erzählen. Dieses Erzählen wird gleichzeitig mit aktuellen Unterrichtsansätzen verknüpft, die auf ein Lernen sowohl von Inhalten der Physik als auch über die Naturwissenschaften abzielen. Hierzu thematisieren wir die Geschichte der Physik, geben aber gerade nicht nur die Fakten einer historischen Entwicklung wieder, sondern kleiden diese in eine Geschichte ein. Dadurch gelingt es einerseits, physikhistorische Aspekte auf eine neue Art in den Unterricht einzubringen. Andererseits können durch die Akzentuierungen bei der Ausgestaltung der Geschichte bestimmte Aspekte hervorgehoben und damit im weiteren Unterricht thematisiert werden.
In diesem Beitrag zeigen wir anhand einer Geschichte über Otto von Guericke, wie Sie diesen Ansatz als methodische Bereicherung in Ihrem Unterricht einsetzen können. Dazu stellen wir in den Kästen 1 – 2 einige theoretische Hintergründe vor, mit denen sich der Ansatz begründen lässt.
1. Erzählen als Unterrichtsmethode
1. Erzählen als Unterrichtsmethode
Die Lehrererzählung geriet spätestens im Lauf der 1970er-Jahre stark in Verruf und war als Unterrichtsmethode lange verpönt. In den letzten Jahren gab es jedoch (insbesondere im Bereich der Primarstufe) wieder ein gestiegenes Interesse an narrativen Methoden, verbunden mit einer neuen Betrachtungsweise der zugrundeliegenden Prozesse und möglichen Effekte.
Es mag als ein trivialer Vorgang erscheinen, wenn eine Person anderen etwas erzählt: Die erzählende Person ist aktiv, die Zuhörenden sind passiv. Entgegen dem Anschein laufen beim Zuhören jedoch höchst komplexe kommunikative und kognitive Prozesse ab, die im starken Kontrast zur äußerlichen Passivität stehen und sich nutzbringend für die didaktischen Zwecke vieler Unterrichtsfächer einsetzen lassen.
Auf einige dieser Prozesse soll im Folgenden kurz eingegangen werden:
  • Aufmerksamkeit: Eine mündliche Erzählung wirkt aufmerksamkeitssteuernd. Sobald den Hörenden klar wird, dass sie eine Geschichte präsentiert bekommen, werden bestimmte Erwartungen hinsichtlich eines dramaturgischen Verlaufs und der inneren Kohärenz aktiviert. Im Fortgang der Erzählung werden diese Erwartungen beständig mit den aufgenommenen Informationen abgeglichen und nötigenfalls korrigiert. Vermutungen über den weiteren Verlauf werden angestellt, wobei der Wechsel zwischen Bestätigung und Widerlegung dieser Vermutungen aufmerksamkeitssteigernd wirkt. Eine klare, bildhafte Sprache lässt vor dem inneren Auge der Zuhörenden eigene Bilder entstehen; das Kino im Kopf springt an und zieht die Zuhörenden in die Geschichte hinein.
  • Emotionen und Identifikation: Geschichten handeln von Personen mit Plänen und Zielen, aber auch von den Hindernissen auf dem Weg dorthin. Gefühle wie Neugier, Ehrgeiz, Misstrauen, Liebe, Trauer, Angst und Ablehnung sind die Motoren aller Geschichten und rufen bei den Hörenden eine emotionale Beteiligung hervor. In der Regel identifizieren sie sich mit der Hauptfigur (falls diese nicht extrem negativ dargestellt wird). Werden nun Geschichten zu einem bestimmten Sachgegenstand erzählt, können die emotionale Beteiligung und die...

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