8. – 13. Schuljahr

Lutz Kasper

Inszenierte Physik

Fiktive Dialoge und Social-Media-Diskussionen als Unterrichtselemente

Das akademische Streitgespräch ist ein Werkzeug der Erkenntnisgewinnung und dient als Methode zur Vermittlung von Ideen und Wissen. Rhetorische Vorbilder sind z.B. Platon oder Galilei. Sie haben Dialoge als Stilmittel und Methode gewählt und damit Denkwege gestaltet. DieMethode wurde auf diese Weise zu einem didaktischen Werkzeug (s.a. Kasten 1).
1. Diskurse Beitrag zur naturwissenschaftlichen und Menschenbildung
1. Diskurse Beitrag zur naturwissenschaftlichen und Menschenbildung
Wie kann bei Lernenden die Entwicklung einer auf Respekt und Toleranz beruhenden Haltung auch im naturwissenschaftlichen Unterricht gefördert werden? Ein Schlüssel dafür wird hier in einem Angebot extraindividueller Perspektiven und der damit verbundenen Überwindung der jeweils eigenen Perspektive gesehen. Diskurse als Ort des Austausches und der sozialen Interaktion beinhalten immer unterschiedliche, oft kontroverse Perspektiven. Ein gelungener Diskurs setzt die Fähigkeit und auch die Bereitschaft voraus, eine fremde Perspektive zu übernehmen. Diese wechselseitige Perspektivkoordination wird aus entwicklungspsychologischer Sicht im Alter zwischen 9 und 15 Jahren entwickelt, also dann, wenn die Lernenden in der Sekundarstufe beginnen, sich mit den naturwissenschaftlichen Fachdisziplinen zu beschäftigen (vgl. [2], S. 835; [3], S. 38ff.).
Im Feld der Wissenschaften gelingen Paradigmenwechsel oft nur nach einem Wechsel der jeweils akzeptierten Perspektive. Ein prägnantes Beispiel hierfür stellt die „kopernikanische Wende dar. Dies ist grundsätzlich auch auf schulische und populärwissenschaftliche Lern- und Kommunikationssituationen übertragbar. Davon kann man sich auch beim Verfolgen aktueller, in den sozialen Medien ausgetragener Kontroversen über naturwissenschaftliche Fragestellungen überzeugen, wie die Beispiele in diesem Artikel deutlich machen.
Dialoge als Unterrichtselement mit Bezügen zu historischen wissenschaftlichen Kontroversen wurden bereits in verschiedenen Studien und didaktischen Miniaturen vorgeschlagen [1]. Fachbezogene Argumente aus historisch authentischen Kontroversen der Naturwissenschaften dienen dabei einer Auseinandersetzung mit fachlich zwar längst überwundenen, aber bei Lernenden oft anzutreffenden Fehlvorstellungen. Einige erprobte Beispiele für didaktisch aufbereitete historische Kontroversen sind in Tabelle 1 zusammengestellt.
Neben den fachwissenschaftlichen Zielstellungen, die mit der diskursiven Methode verfolgt werden, können geeignete „Inszenierungen oder oder reale Diskussionen in Chats auch zum Lernen über die Natur der Naturwissenschaften beitragen. Solche Realdiskussionen etwa über die Faktenlage zum menschengemachten Klimawandel, über die Glaubwürdigkeit der NASA-Mondlandungen oder über die Flat-Earth-Theorie (s. Beispiel in Kasten 2) bestimmen aktuell Teile der sozialen Medien (s. Beispiele in den Kästen 2 – 3).
2. Flat Earth?
2. Flat Earth?
Twitter-Thread (übersetzt und bearbeitet)
Koala Mondphasen machen mehr Sinn, wenn man von einer flachen Erde ausgeht. Ich habe hier zeitgleich aufgenommene Mondfotos. Eins habe ich selbst hier in West-Australien gemacht. Das andere ist von einer Freundin aus Zagreb in Kroatien und das wäre mit dem Kugelmodell der Erde unmöglich. Außerdem ist das Gesicht des Mondes perfekt verschoben passend zur unterschiedlichen persönlichen Perspektive im Modell der flachen Erde.
Joel (Antwort an Koala) An jedem Ort sollte man aber deutlich unterschiedliche Mondgesichter sehen. Das ist aber auf den beiden Fotos ganz anders. Dort sind die Mondränder höchstens um 2° verschoben.
Patrick (Antwort an Koala) Sollte man nicht sogar von Kroatien aus einen Vollmond sehen, wenn in Australien der Mond so wie auf dem Foto aussieht?
Koala (Antwort an Patrick) Nein! Man sieht dieselben Mondphasen, nur eben aus unterschiedlichen Beobachterperspektiven.
...

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