5. – 13. Schuljahr

Lydia Schulze Heuling

Lebendige Bilder

Inklusions- und diversitätsfördernder Physikunterricht am Beispiel von Varianten einer alten Kulturtechnik

Inklusion und Diversität sind bedeutende Schlagworte in Diskussionen über (schulische) Bildung geworden. Schulische Inklusion hat dabei vor allem die Teilhabe von Schülerinnen und Schülern mit sonder- oder rehabilitationspädagogischem Förderbedarf im Blick. Eine diversitätsbewusste Pädagogik bezieht sich auf die Heterogenität in Lerngruppen, auf Gleichberechtigung unabhängig von Gender, Migrationserfahrung oder Alter.
Theaterpädagogik arbeitet mit vielfältigen Formen von Wissen und Erfahrungen; ihre Techniken sind deswegen für heterogene Lerngruppen gut geeignet. Theaterpädagogische Techniken schaffen Lerngelegenheiten, die an Theorien situierten und entdeckenden Lernens sowie des Lernens durch Analogien anknüpfen. Selbst kurze Theaterübungen wirken inklusions- und diversitätsfördernd. Sie stärken das Gemeinschaftsgefühl, motivieren und schaffen im Unterricht kollektive Erfahrungen.
Zwei Techniken, die erfolgreich für den Physikunterricht erprobt wurden, sind Tableaux vivantes („Lebendige Bilder) und animierte Diagramme. Beide Techniken eignen sich besonders für Klassen mit großer sprachlicher und ethnischer Diversität sowie für fast alle Förderschwerpunkte (ausgenommen FSP „Sehen).
„Tableaux vivantes
Im Zentrum dieser vor allem im 19. Jahrhundert sehr beliebten Kulturtechnik steht ein Bild, das von realen Menschen gestellt wird. Ursprünglich wurden dabei Gemälde nachgestellt. Heute gehört die Arbeit mit Standbildern zum Standardrepertoire der Theaterpädagogik (vgl. [1]).
In der Grundvariante stellt die Klasse ein Bild nach. Dies kann ein Foto sein (z.B. von der Übergabe des Physiknobelpreises 2018 an Donna Strickland) oder ein historisches Gemälde (z.B. „Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe von Joseph Wright). Besprechen Sie im Vorfeld den Kontext und die Entstehung des Bildes. Nachdem das Bild nachgestellt wurde, reflektieren Sie mit der Klasse das Standbild und den Prozess des Nachstellens. Nehmen Sie dabei nicht nur technische, sondern, wenn angemessen, auch emotionale Aspekte in den Blick.
Sie können auch mit Texten arbeiten: Teilen Sie dafür Kleingruppen ein. Jede Gruppe erhält einen kurzen Text bzw. Textauszug mit dem Auftrag, ein Standbild zu entwickeln, das die Essenz des Textes einfängt. Für das Lesen und Erarbeiten des Standbildes erhalten die Schülerinnen und Schüler zehn Minuten Zeit. Die Lernenden können Menschen, Objekte oder auch Symbole repräsentieren, die in der Summe einen Aspekt des Textes wiedergeben.
Wenn allen das Prinzip solcher Standbilder klar ist, können Sie komplexere Aufgaben geben, z.B. die Erarbeitung eines Tableaus, das die Brechung von Licht durch ein Prisma zeigt, oder einer ganzen Standbildserie zum Themenfeld Kraftwirkungen.
Diese Methode ermöglicht es z.B., den aktuellen Wissensstand der Schülerinnen und Schüler zu ermitteln. Sie erhalten zudem auch eine umfangreiche Materialsammlung, auf die Sie im weiteren Unterrichtsverlauf immer wieder Bezug nehmen können. Vorteilhaft dabei ist, dass das Material in einem kollektiven Prozess von den Lernenden selbst erzeugt wurde und die multimodalen Wissensformen, die in das Tableau eingegangen sind, durch die Besprechung im Unterricht vernetzt werden (s. [2]).
Weiterentwicklung „animierte Diagramme
Hierbei werden Diagramme von den Schülerinnen und Schülern durch die eigene Positionierung und Bewegung im Raum in Animationen „transformiert (vgl. [3]).
Nehmen Sie das verbreitete Beispiel eines fahrenden Fahrrads, das mal schneller wird, mal abbremst, und am Ende stehen bleibt. Die Fahrradfahrt wird im Unterricht typischerweise als Geschwindigkeit-Zeit-Diagramm besprochen. Für das animierte Diagramm kleben Sie ein Koordinatensystem mit Kreppband auf den Boden und bringen ggf. Markierungen für die Skalierung an. Die Schülerinnen und Schüler bekommen...

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