5. – 13. Schuljahr

Rita Wodzinski

Gebt Jugendlichen Sprache, denn „die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt

Ein schriftliches Interview mit Josef Leisen

Herr Leisen, Sie haben sich schon vor zwanzig Jahren mit Fragen der Sprache im Physikunterricht befasst und auch in dieser Zeitschrift bereits drei Hefte zum Thema herausgegeben (Heft 87/2005 „Sprache, Heft 95/2006 „Physiktexte lesen und verstehen und 104/2008 „Physiktexte verfassen). Ihr Name ist zweifellos weit über den Physikunterricht hinaus mit dem Thema verknüpft. Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen im Folgenden eine Reihe von Fragen stellen.
1.Wie schätzen Sie die Entwicklung des Themas „sprachsensibler Physikunterricht ein? Inwiefern haben sich Akzente verschoben? Inwiefern sind neue Aspekte hinzugekommen?
Im Jahre 1994 veröffentlichte ich mein „Handbuch des deutschsprachigen Fachunterrichts (DFU), vornehmlich geschrieben für den Fachunterricht an Deutschen Auslandsschulen für Schülerinnen und Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Mir war bereits damals klar, dass das Thema für innerdeutsche Schulen gleichermaßen relevant ist. Die damalige Resonanz war mäßig, lediglich Hauptschulen und Gesamtschulen interessierten sich für das Thema. Im Jahre 1999 erschien mein umfangreiches „Methoden-Handbuch des Deutschsprachigen Fachunterrichts (DFU), das auf bereits große innerdeutsche Resonanz stieß, und 2010 das „Handbuch Sprachförderung im Fach  – Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis, das inzwischen zum Standardwerk wurde.
Die Zeitschrift „Naturwissenschaften im Unterricht – Physik darf sich zugute halten, das Thema als erste didaktische Zeitschrift mit den oben genannten Themenheften aufgegriffen zu haben.
Es lohnt sich, die Verschiebungen in den Begrifflichkeiten zu verfolgen. Der Begriff „Sprachförderung war lange Zeit vorherrschend und resultierte aus den Beobachtungen und Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und wurde auf sprachschwache Lerner erweitert. Dem Fördergedanken liegt die Auffassung zugrunde, dass die festgestellten Defizite durch Fördermaßnahmen ausgeglichen werden können und müssen. Das Sprachförderkonzept resultiert jedoch aus der Defizitsicht und verfolgt die Idee des Defizitausgleichs durch Förderung und Unterstützung.
Andere Begriffe kamen in Umlauf: „Sprachunterstützung, „Sprachbegleitung, „Sprachaktivierung, „sprachintensiver Unterricht, „sprachaufmerksamer Unterricht, „sprachbewusster Unterricht, „sprachbildender Unterricht und „sprachsensibler Unterricht. Für jeden Begriff gibt es gute Argumente und jede Sicht ist legitim und vernünftig. Fasst man die Überlegungen zusammen, dann wird das Thema aus meiner Sicht am besten ausgedrückt durch folgende Formulierungen:
  • Sprachbildung im sprachsensiblen Fachunterricht,
  • Sprachlernen und Fachlernen im sprachsensiblen Fachunterricht.
Fachlernen und Sprachlernen im Fach bedingen einander, das eine geht nicht ohne das andere und umgekehrt.
2.Welche grundlegende Haltung zum Thema „sprachsensibler Unterricht sollten Lehrkräfte Ihrer Ansicht nach aufbauen?
Erstens: Fachlernen braucht die Bildungssprache. Es ist die Aufgabe einer jeden Schule, angemessen in die Bildungssprache einzuführen und darin zu schulen.
Zweitens: Bildungssprache eröffnet neue Denkwelten durch Dekontextualisierung, Generalisierung, Abstrahierung „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, schreibt Ludwig Wittgenstein dazu in seinem sprachphilosophischen Werk „Tractatus logico-philosophicus.
Drittens: Sprachlernen im Fach ist ein mühsamer und langer Prozess, und es braucht dazu die Unterstützung aller Lehrkräfte.
Viertens: DaZ-Lerner haben doppelte Sprachhürden zu überwinden, nämlich die der deutschen Alltagssprache und parallel die der Bildungssprache.
3.Physikunterricht hat mit Blick auf Fachsprache oder den Umgang mit fachspezifischen Textsorten wie z.B. Protokollen immer schon auch Aspekte von Sprache berücksichtigt....

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