11. – 12. Schuljahr

Mariam Waedt und Heiko Krabbe

Schriftliche Sacherklärungen in der Oberstufe

Unterstützung der Textproduktion nach dem Cognitive-Apprenticeship-Ansatz

Die Notwendigkeit von Sprachbildung wird oft nur für die Sekundarstufe I gesehen. In der Oberstufe dagegen setzt man bereits voraus, dass die Sprachfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler ausreichend ausgebildet seien. In vielen Bundesländern ist Physik in der Sekundarstufe I ein mündliches Nebenfach. Bildungssprache und somit auch die Fachsprache der Physik besitzt aber, auch wenn sie mündlich verwendet wird, Merkmale der Schriftsprache [1], die im Physikunterricht kaum explizit gefördert werden. Dies zeigt sich oft dann, wenn die Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe die ersten Physikklausuren schreiben.
Unterrichtlicher Rahmen
In einem Physik-Grundkurs der Jahrgangsstufe 12 an einem Gymnasium zeigten die Lernenden Schwierigkeiten, sich fachsprachlich angemessen auszudrücken, obwohl sie grundsätzlich gut Deutsch sprachen. Daher wurde dort in einem Studienprojekt im Rahmen des Praxissemesters ein Konzept zur Verbesserung der fachsprachlichen Ausdrucksweise erprobt.
Der Kernlehrplan erwartet in der Oberstufe im Kompetenzbereich Kommunikation, dass Schülerinnen und Schüler „am Ende der Einführungsphase physikalische Sachverhalte, Arbeitsergebnisse und Erkenntnisse adressatengerecht sowie formal, sprachlich und fachlich korrekt in Kurzvorträgen oder kurzen Fachtexten darstellen [2].
Die Sacherklärung (z.B. der Funktionsweise einer Hallsonde) ist daher eine typische sprachliche Anforderung in der Oberstufe, der jedoch keine klar definierte Textsorte zu Grunde liegt. Für eine nachvollziehbare Sacherklärung ist neben der korrekten Formulierung vor allem eine gute Strukturierung nach sachlogischen Gesichtspunkten erforderlich. Eine angemessene fachspezifische Strukturierung der Textebene ist somit über die Beherrschung der Fachbegriffe (Wortebene) und typischer Redewendungen (Satzebene) hinaus ein wichtiger Teil des Fachdiskurses, der insbesondere im Oberstufenunterricht gefördert werden sollte.
Vorgehensweise im Unterricht
Für das methodische Vorgehen bietet sich eine Orientierung an der Methode des Cognitive Apprenticeships [3] an (s.a. Überblick zum Scaffolding von Wodzinski). Das hier vorgestellte Studienprojekt beschränkt sich auf zwei Doppelstunden, in denen zuerst anhand eines Musterbeispiels eine geeignete Strukturierung der Sacherklärung vorgestellt wird (modelling). Zusätzlich werden Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, die das Vorgehen der Lernenden lenken und unterstützen (scaffolding). Danach bearbeiten die Schülerinnen und Schüler eine vergleichbare Aufgabe, wobei die Hilfsmittel schrittweise abgebaut (fading) und individuelle Hinweise durch die Lehrkraft gegeben werden (coaching).
Die Schreibaufgabe
In dem Physikkurs fand eine Unterrichtsreihe zur Bewegung geladener Teilchen in elektrischen und magnetischen Feldern statt. In diesem Themengebiet spielt häufig das Kräftegleichgewicht der elektrischen und magnetischen Kraft eine Rolle, etwa beim Wienfilter oder bei der Hallson-de. Daher sollte die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler verbessert werden, solche Anordnungen zu erklären.
Um deutlich zu machen, dass durch die Sprachförderung Kompetenzen erworben werden, die über den aktuellen fachlichen Inhalt hinausgehen, wurde für den Modelltext das Verhältnis von Gravitations- und Luftreibungskraft bei einem Fallschirmspringer gewählt (s. Abb. 1a ). Durch die Wiederholung dieser bekannten Situation aus der Mechanik kann der Fokus auf den sprachlichen Ausdruck gelegt werden. Gleichzeitig begünstigte der Vergleich dieser Situation mit der Hallsonde (s. Abb. 1b ) die fachliche Vernetzung innerhalb der Physik.
In der ersten Doppelstunde wurden zum Fallschirmsprung drei Momentaufnahmen besprochen:
  • der Moment unmittelbar beim Absprung, wenn nur die Gewichtskraft auf den Fallschirmspringer wirkt,
  • ein Moment, in dem sich die...

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