6. – 6. Schuljahr

Heiko Krabbe

Schritte zur Aneignung eines funktionalen Wortschatzes

Wortschatzarbeit im bilingualen Physikunterricht zum Thema Magnetismus

Der Artikel von Cordes und Di Berardo stellt Methoden der Wortschatzarbeit zum Erlernen neuer Wörter und typischer Wortverbindungen in der Fachsprache vor. Daran anknüpfend beschreibt dieser Beitrag am Beispiel einer deutschsprachigen Physikstunde im bilingualen Wahlpflichtbereich 1) an einer Schule in Giurgiu (Rumänien), welche Aspekte von Wortschatzarbeit bei der Planung und Durchführung von Unterricht mit Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache zusätzlich zu beachten sind. Gerade durch den verfremdenden Blick auf deutschsprachigen Unterricht im Ausland werden bestimmte Aspekte von Fachsprache besonders deutlich, etwa die Bedeutung von Funktions- und Strukturwörtern (Präpositionen, Konjunktionen, Adverbien, Partikel, Artikel und Pronomen), wenn es z.B. um das Darstellen zeitlicher Abfolgen, von Mittel-Zweck-Beziehungen oder von Kausalzusammenhängen geht. Auch in Deutschland müssen für viele Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sprachliche Fähigkeiten u.a. durch die Bereitstellung geeigneter Struktur- und Funktionswörter im Fachunterricht vielfach erst hergestellt werden. Letztlich nutzt jedoch eine solche Förderung allen Schülern.
Ausgangssituation und Ziele
Bei der Beobachtung deutschsprachiger Physikstunden in rumänischen Schulen zeigte sich, dass die alleinige Bereitstellung von Inhaltswörtern (Nomen, Verben, Adjektive) im Fachunterricht die Schülerinnen und Schüler nicht ausreichend in die Lage versetzt, physikalische Sachverhalte selbst auf Deutsch zu formulieren. Die Unterrichtskommunikation sah häufig so aus, dass die Lehrkraft eine Entscheidungsfrage stellte („Zieht der Magnet die Büroklammer an?), die je von den Schülern bejaht oder verneint wurde. Die Schülerinnen und Schüler waren jedoch nicht in der Lage, ihre Beobachtungen eigenständig auf Deutsch zu beschreiben und zusammenzufassen. Deshalb fanden der fachlich relevante Teil des Unterrichts und die Sicherung der Ergebnisse zumeist auf Rumänisch statt. Die deutsche Sprache kam im Wesentlichen bei der Übersetzung der Fachbegriffe zur Anwendung. Ziel war es daher, in Verbindung mit der Wortschatzarbeit die fachliche Ausdrucksfähigkeit auf Deutsch zu fördern. Grundlage für das im Folgenden skizzierte Konzept zu einer entsprechenden Förderung ist das Prozessmodell des Wortschatzerwerbs [1] (s. Tab. 1 ), auf dem auch die im Beitrag von Cordes und Di Berardo vorgestellten Phasen der Wortschatzarbeit basieren. Das Modell gliedert den Prozess in vier Erwerbssequenzen 2) und macht deutlich, welche Komponenten der Worterwerb umfasst. Der Schwerpunkt des hier vorgestellten Ansatzes liegt auf der Bedeutung und dem Gebrauch der Wörter funktional (im Satz) und in Verbindung mit Nachbarwörtern.
Auch wenn die dargestellten Sequenzen des Erwerbsprozesses sich normalerweise über einen längeren Zeitraum erstrecken, kann es sinnvoll sein, sich daran bei der Planung einzelner Physikstunden zu orientieren. Eine Möglichkeit, die Wortschatzarbeit in das fachliche Lernen im Physikunterricht zu integrieren, besteht darin, die Erwerbssequenzen mit fachdidaktischen Lernprozessmo-dellen zu kombinieren. Dies soll anhand der folgenden Stunde erläutert werden.
Beispiel: Physikstunde zum Magnetismus
Im Folgenden wird Wortschatzarbeit am Beispiel einer bilingualen Unterrichtsstunde zum Thema Magnetismus beschrieben. 3) Die Schülerinnen und Schüler hatten zu diesem Zeitpunkt erst ein Jahr Deutschunterricht.
Bei den Zielen des bilingualen Physikunterrichts ergibt sich ein besonderes Spannungsverhältnis zwischen Alltagssprache und Fachsprache. Während sich im Physikunterricht normalerweise das Problem stellt, alltagssprachlich repräsentierte Schülervorstellungen in fachlich angemessene Vorstellungen und einen entsprechenden Sprachgebrauch zu transformieren, sollen im bilingualen Physikunterricht die...

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