5. – 10. Schuljahr

Susanne Heinicke, Jutta Lumer und Rosalie Heinen

Stolpersteine aufgedeckt: Text

Verstehen, was Texte schwierig macht

Selbstcheck: Lesen Sie sich den Beispieltext in Abbildung 2 im Beitrag „Mit Informationstexten umgehen in Ruhe einmal durch. Wie beurteilen Sie seine sprachliche Komplexität im Hinblick auf lesegeübte oder leseungeübtere Lernende der 6. Klasse in Ihrer Schulform? Wo können Sie Stolpersteine für das Textverstehen ausmachen?
Vergleichen Sie Ihre Ergebnisse mit den Tabellen 1 – 2. Als Hilfen für die Analyse von Texten haben wir außerdem Checklisten zu allen vier Ebenen unseres Analyserasters zusammengestellt.
Hilfestellung Analyseraster
Wir stellen in diesem Beitrag ein Analyseraster bereit, um Sie bei der Einschätzung der sprachlichen Komplexität eines Textes zu unterstützen. Auf der Basis einer solchen Einschätzung kann es leichter fallen, sich selbst für die möglichen Stolpersteine auf einer bestimmten Textseite zu sensibilisieren.
Denn uns Lehrenden sind durch unseren routinierten Umgang mit Texten mögliche Schwierigkeiten der Lernenden oft nicht bewusst. Erst wenn uns diese Stolpersteine (wieder) bewusst werden, können wir z.B. zwischen mehreren Texten entscheiden, den Lernenden Hilfen anbieten, möglicherweise einige Stolpersteine durch verschiedene Methoden reduzieren oder sie sogar zum Anlass nehmen, um im Unterricht gezielt an bestimmten sprachlichen Phänomenen zu arbeiten.
Fachunterricht hat auch die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt und so weit wie möglich zum eigenständigen Umgang mit komplexeren (fach-)sprachlichen Texten zu führen. Ob die im Folgenden beschriebenen Aspekte also als Stolpersteine oder als Lerngelegenheiten zu bewerten sind, obliegt der Lehrkraft und hängt von den Rahmenbedingungen ab. Der Umgang mit den Stolpersteinen ist entsprechend abhängig vom jeweiligen Lernziel.
Im Themenheft Nr. 95 („Physiktexte lesen und verstehen) dieser Zeitschrift wurden bereits wichtige Aspekte aufgeführt, die einen Text komplex machen:
  • komplizierter sprachlicher Aus-druck (unbekannte und fachbezogene Wörter, komplexe grammatikalische Strukturen, lange oder Schachtelsätze, hoher Attributierungsgrad),
  • unübersichtliche Strukturierung (mangelnde Gliederung, fehlende Zusammenhänge, Kohärenzlücken, Vermengung von Wichtigem und Unwichtigem),
  • zu weitschweifig oder zu knapp (Redundanzen und Nebensächlichkeiten, hohe Informationsdichte),
  • unanschaulich (ohne Berücksichtigung von Vorwissen, keine oder zu abstrakte Abbildungen).
Analyse des Beispieltextes
Wie zeigen sich diese (und weitere) Aspekte nun an unserem Beispieltext? Dabei legen wir den Schwerpunkt in diesem Beitrag auf den sprachlichen Ausdruck und die textliche Kohärenz; eine kritische Analyse der Gestaltung des Beispieltextes folgt im nächsten Artikel.
Wir analysieren den Beispieltext im Folgenden nacheinander auf der Wort-, Satz- und Textebene nach Stolpersteinen (s. Abb. 1 ) und zeigen in Ergänzung der obigen vier Punkte weitere Aspekte auf, die sich allesamt auf andere Texte übertragen lassen.
Die ausgewählte Schulbuchseite ist dabei hinsichtlich der sprachlichen Komplexität nicht als Negativbeispiel zu sehen. Wir haben gezielt ein Beispiel ausgewählt, das als sprachlich nicht besonders herausfordernd für die Zielgruppe (ca. Klasse 6) eingestuft werden kann. Der Lesbarkeitsindex LIX weist dem textlichen Anteil der Seite eine Schwierigkeitsstufe der Belletristik zu, etwas oberhalb der Sprachkomplexität von Kinder- und Jugendliteratur. Der Index bezieht sich dabei vor allem auf die Länge der Sätze und Wörter ohne Berücksichtigung der inhaltlichen oder grammatikalischen Komplexität.
Analyse auf Wortebene
Leisen [1] hebt bei der Einschätzung der Komplexität eines Textes auf Wortebene den Beitrag von
1.unbekannten und fachbezogenen Wörtern hervor.
In unser Analyseraster haben wir außerdem drei weitere Aspekte mit aufgenommen:
2.die allgemeine Lesbarkeit von Wörtern,
3.ihre durch Zeilenum...

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