5. – 13. Schuljahr

Susanne Heinicke

Vom Begriff zum Konzept

Lernen von Begriffen und fachsprachlich gebräuchlichen Wörtern

Anders als im Fremdsprachenlernen geht es beim Fachsprachenlernen um mehr als nur die Übersetzung bereits bekannter Wörter. Hinter den meisten Fachbegriffen verbirgt sich vielmehr ein ebenfalls neu zu lernendes fachliches Konzept. Es muss demnach nicht nur das Wort, sondern auch seine Bedeutung gelernt werden.
Begriffe lassen sich als „unanschauliche kognitive Strukturen definieren, „in denen die für einen Gegenstand oder mehrere Gegenstände wesentlichen Merkmale zusammengefasst werden ([1], S. 159). Begriffe sind nicht einfach in der Umwelt vorhanden, sondern sie werden von uns konstruiert, indem wir eine Vielzahl von Einzelereignissen unter einem abstrahierten und verallgemeinernden Konstrukt subsumieren. Aus einer Vielzahl betrachteter, verschiedener Bäume, die aber bestimmte gemeinsame Eigenschaften aufweisen, konstruieren wir den Begriff „Birke. Aus der Betrachtung von Glasobjekten konstruieren wir auf ähnliche Weise den Begriff der Sammellinse. Ungeachtet der Verschiedenheit von Objekten, die wir unter diesem Begriff zusammenfassen, wie Größe, Fassung und Wölbung der Flächen, weisen sie doch alle die gleiche Eigenschaft des „Sammelns von Licht auf. Ein Begriff ist demnach eine Vorstellung von Dingen oder Phänomenen, die wir gewinnen, indem wir vom Konkreten, Besonderen und Individuellen abstrahieren und eine oder mehrere Gemeinsamkeiten in den Fokus nehmen.
Der Name eines Begriffs ist jedoch eben nicht identisch mit dem Begriff. Wenn man ein Wort kennt, bedeutet das noch nicht, dass man den Begriff verstanden hat.
Schwierigkeiten beim Lernen von Fachbegriffen
Abstrakte Konzepte und belegte Bedeutungen
Beim Lernen von Fachbegriffen erweisen sich zwei Gruppen als besonders schwierig:
  • Begriffe, die sich auf Abstrakta (z.B. Kraft, Energie, Spannung) beziehen und denen ein umfangreiches mentales Modell zugrunde liegt;
  • Begriffe, die bereits mit einem anderen mentalen Modell (v.a. aus dem Alltagssprachgebrauch) belegt sind (Beispiele: Kraft, Spannung, Linse)
Begriffsdichte im Naturwissenschaftsunterricht
Nach der Studie [1] kommen Schülerinnen und Schüler pro Unterrichtsstunde Physik mit neun neuen Fachwörtern in Kontakt. In einem Schulbuch ist bei Zählung der Begriffe durchschnittlich jedes 6. Wort ein Fachwort, jedes 25. Wort ein neues Fachwort. Auch eine aktuellere Studie [2] kommt auf 2,5 neue Fachbegriffe (teils mit umfangreichen Konzepten assoziiert) pro Schulbuchseite und auf 700 im gesamten Schulbuch. In [2] werden zudem zwei weitere Schwierigkeiten hervorgehoben:
  • Die Begriffe werden nur in geringem Umfang miteinander verknüpft bzw. in Verbindung gesetzt.
  • Die überwiegende Mehrzahl der Begriffe kommt im ganzen Buch nur ein einziges Mal vor.
Hinzu kommt auch hier eine geringe begriffliche Konsistenz innerhalb der Schulbücher und untereinander: Nur etwas 5 % der Begriffe kommen in allen sieben analysierten Büchern gemeinsam vor, nur 20 % in wenigstens drei Büchern. Diese hohe Dichte an (unbekannten bzw. neuen) Begriffen erscheint dann besonders brisant, wenn man berücksichtigt, dass das Leseverstehen leidet, wenn nur drei Prozent eines Textes nicht verstanden werden (vgl. [3]).
Studien zum Unterrichtsgespräch zeigen zudem, dass auch in einer durchschnittlichen Unterrichtsstunde eine große Anzahl von Fachbegriffen verwendet werden allerdings fast ausschließlich von der Lehrkraft, nur selten von den Lernenden (vgl. [4]).
Umgang mit Begriffen im Unterricht
Ein üblicher Vorschlag zum gezielteren Umgang mit Fachsprache im Unterricht ist die gezielte Auswahl von Begriffen anstelle einer Begriffsüberfrachtung, zumal das fachliche Wissen langfristig eher gering ist (vgl. [4]).
Es wird beispielweise vorgeschlagen, die Menge an neuen Begriffen pro Unterrichtsstunde auf einen zu begrenzen (s. z.B. [5]). Das erscheint zwar wenig für den Moment, summiert sich aber nachhaltig auf...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen